Verborgene Talente entdeckt

07.04.2017

Ein Praktikum kann kurzweilig sein, Spaß machen und einen jungen Menschen in seiner Berufsorientierung bestärken – oder der vermeintliche Traumjob entpuppt sich im Arbeitsalltag als Alptraum. Josefa* bereut jedenfalls keine Sekunde ihres Praktikums in der Dialog-Wohngruppe Wittlage. „Es herrscht eine besondere Atmosphäre im Team. Alle sind so aufgeschlossen, und die Abläufe gehen Hand in Hand“, ist die angehende Erzieherin begeistert. „Josefa hat sich schnell in das Team integriert. Sie hat einen tollen und zugleich professionellen Zugang zu den Kindern und ist hochmotiviert. Das hat sie auch im Rahmen ihrer praktischen Prüfung unter Beweis gestellt“, gibt Hausleiter Bernd Mühl das Lob an die 22-Jährige zurück.

Als Josefa am 9. Januar zum ersten Mal in der Wohngruppe Wittlage zu Gast war, kannte sie weder die MitarbeiterInnen noch die Jungen: „Ich wollte Berufserfahrung sammeln und herausfinden, ob ich wirklich in der Heimerziehung Fuß fassen möchte.“ Richie* (11) habe von Beginn an ihre Neugierde geweckt. „Er hat seine Emotionen nicht im Griff. Er ist ein sensibler Typ, der sich unnahbar gibt. Das hat Julia schnell erkannt, ohne dass ich es ihr erzählen musste. Ich bin positiv überrascht, welch kreative Seite sie aus ihm herausgekitzelt hat“, sagt Bernd Mühl. Mit jedem Tag habe sich der Junge ihr gegenüber mehr geöffnet. „Während der Hausaufgabenbetreuung habe ich bemerkt, dass er künstlerisch begabt ist“, erzählt sie. Richie habe ihr anvertraut, dass er Künstler werden möchte. Er zeigte ihr ein Blatt mit Schrift- und Malversuchen.

Schnell war der Praktikantin klar, dass Richies Begeisterung für Kunst zu ihrer Projektarbeit „Positive Kräfte stärken“ passt. Im Rahmen ihrer 60-minütigen Prüfung sollte sie darauf achten, dass der Junge seiner Kreativität Ausdruck verleihen kann. Josefa ließ Richie eine Leinwand zum Thema Wut, eine andere zum Thema Freude bemalen. „Man hat in den acht Wochen gesehen, dass es etwas bringt, mit dem Kind an seinen Fähigkeiten zu arbeiten und dass es ihm auch gefallen hat. Er hat einen ausgeprägten Sinn für die Entwicklung und Umsetzung von kreativen Ideen. Durch die Kunst kann Richie seine Gefühle ausdrücken“, so die 22-Jährige.

Auch der Besuch ihres Lehrers habe den Jungen nicht gestört. Sie habe immer mal wieder im Gruppenalltag auf die Prüfung hingewiesen. Einen Tag vorher habe sie Richie den genauen Ablauf erklärt. „Ich habe versucht, ihm die Aufregung zu nehmen. Er hat super mitgemacht“, freut sich die Praktikantin.

Im Sommer hat sie ihre vier Jahre an der BBS Melle hinter sich, sie ist dann staatlich anerkannte Erzieherin. Sie könnte in allen Bereichen der pädagogischen Arbeit anfangen. Nach acht interessanten Wochen in der Wohngruppe Wittlage steht für sie fest: „Mir gefällt dieser Bereich in der Theorie und Praxis, ich kann mich damit identifizieren.“ Der Hausleiter hört das natürlich gern: „Ich würde mich freuen, wenn sie sich bei uns bewirbt.“

* Namen geändert

Zurück